Rezension Der Gedichtsammlung „Erwachen“

ZYKLEN, DIE DIE EBBEN DER SEELE BEGLEITEN

Literarische Mehrstimmigkeit des Kunsthistorikers und Germanisten Milan Ilić (geboren in Jajce im Jahre 1938), seinem Alter nach nahe der Generation um die Zeitschrift Razlog (Ursache) versammelt, verweist auf verschiedene Lebenswege und poetische (dichterische) Schicksale, die sich in der Zeit der kroatischen Literatur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts begeben haben.

In die Literatur trat er mit seiner Kindergedichtsammlung Körnchen (1968), und noch vorher durch Aufführung seines Schauspiels Das Spiel (1961), sodaß die Gedichtsammlung Gedichte rein zufällig (1991), mit drei weiteren Gedichtsammlungen:Anno barbarico (1996), Die blaue Birke und Selbstgespräch des nüchternen Alkoholikers (2002) nur einen Teil seiner schöpferischen Gestalungskraft darstellen: Kindergedichte, Dramen, dichterische und monographische Werke, mit denen er sich neben den anderen Tätigkeiten befaßte. Für sein erstes Buch Gedichte rein zufällig erwähnen die Kritiker, seine Fähigkeit den Augenblick und die Vergänglichkeit aufzuschreiben, die in seiner Sinnlichkeit einverleibt sind, und die er nützt, um Weltchaos zu erfassen (M. Krencer), und noch weiter, „die ehrliche Widmung des Dichters dem Alltag“, seine Bohemienoffenheit der Welt gegenüber (A. Božiković). Die Gedichtauswahl des Dichters Milan Ilić unter dem Titel Flut und Ebbe der Seele, mit der parallelen Übersetzung ins Deutsch, bestätigt den Autor als Zeugen der Zeitvergänglichkeit, aber auch als einen subjektiven Betrachter und melancholischen Zeugen.

Indem er (im Einleitungsgedicht Wer bin ich) seine Stelle als „unversiegbare Quelle“ mit eigener Quelle und Mündung bestimmt, bietet er sich als Gestaltungsort der Phantasie, der Liebe und des Hasses, mit einem Wort – als „Kontrapunkt des Lebens“, der auf der Suche nach eigenem Sinn ist, der aber „alles und nichts“ sein kann. Ilić versucht durch das Gedicht die kristallisierten Teilchen der Wirklichkeit zu erreichen, und das sind Kraftlinien der Liebe und des erotischen Durchwebens, die er mit dem Ton der urbanen Ballade (Zagreber Liebesballade) gestaltet, oder sich (den Dichter) als „Entdecker der Liebe“ und ihrer gewaltigen Kraft promoviert. Gleichzeitig „tauscht“ er aber ununterbrochen seine Leidenschaft, um diesen ständigen „Abgrund der Begierde“ zu gestalten und zu erneuern, nicht nur als ein Teil von sich selbst, sondern auch als die Liebe selbst und ihr „Medium“. Sogar, im Gedicht Ein Wunsch, in dem er ununterbrochen die Geographie des Körpers der Geliebten anführt (Wasserfall deiner Haare, Abstand zwischen deinen zwei Ohren ), drückt er aus, wie dieser Wunsch auf der Suche nach der verborgenen Insel ist, um mit ihrem „Schatz“ vereinigt zu bleiben.

Bei Ilić erkennt man Lorkas Balladenform (Hoffnung), oder Angst vor der Zeit ohne Liebe (im Gedicht Wenn ich wäre), und (im Gedicht Anna), wie Autor selbst anführt, von einem Wandgraphitto in der Draškovićeva Straße in Zagreb inspiriert, einer Anna gewidmet, am besten das Dichters Bedürfnis nach der Liebe, wodurch auch die anderen ihren Verlust und unlöschbare Leidenschaft so offen „kennzeichnen“, verbinden. Deshalb behauptet er, nicht über „ein kosmisches Thema“ oder darüber „was uns das 21. Jahrhundert bringt“ zu schreiben, sondern, zum Beispiel, über ein Hotelbett, das die Erinnerungen an „einen tollen unvergeßlichen Frühling“ erneuert, einen Frühling der Liebe. Aus solchen Evokationen entstehen eigentlich die meisten Gedichte des Autors.

Der Dichter erneuert die Einmaligkeit eines Augenblicks der Liebe, indem er oft zeigt, daß er nicht dauerhaft ist, daß aber das Leben ohne ihn eine graue langweilige Gewohnheit bleibt, Dressur und Schauspielerei des Lebens (Gedichte die Entfremdung, Gleichgültigkeit), oder scharfsinnige Ironie des Alltags (Gedichte Eine Familienidylle, Wehtag). Deshalb verwundern uns nicht Ilić dichterische Assoziationen an Flut, Jahreszeiten, Naturzyklen. Sie sind ein Teil seiner Topographie, die ununterbrochen die Kräfte und den Wunsch nach Leben erneuern, gleichsam eine „urbane geheime Unterredung“ mit der Natur.

Die Natur erweckt durch ihren Wandel den in die „Metropolen“ zusammengedrückten Menschen und macht ihn zu irgendeinem neuen Anfang, zu einer neuen Welt des Geistes bereit, so daß Ilić im Gedicht Frühling reumütig bangt: „Mein Gott, laß es nicht, mich wieder zu verlieben“. Deshalb zeigt sich in seinen späteren Gedichten dieses Motiv der Erinnerung an die Liebe als ein melancholischer, oft sentimentaler Abriß ihres Aufstiegs und ihres Vergehens (Gedicht Ein Brief mit Vorbedacht). Seine Poetik aber flieht nicht vor Sentimentalität und scharfsinniger Collagegestaltung aus Erhabenheit und Trivialität der Liebe. Im Gegenteil, seine Poesie „ernährt sich“ mit den alltäglichen oder „abgeworfenen“ Augenblicken, die im Gedicht eine besondere und erstaunliche Bedeutung bekommen, denn jede Alltäglichkeit besitzt eine gewisse Macht in sich, um uns durch den Augenblick, in dem gehoben wird, zu überraschen, und dem Alltäglichen und dem Banalen die Gelegenheit zu bieten, durch „Flut der Gefühle“ und durch angeschwollene Sentimentalität eine neue Fülle und neue Bedeutung zu bekommen, die keine Worte und keine Übersetzung brauchen. Genau wie Ilić in seinem Gedicht Poesie anführt:

Poesie ist wenn der Herbst wie ein Knäuel auf dem Rasen zusammenschrumpft und ich durch das offene Fenster in den Nebel hineinschreite während durch meine Adern die angeschwollene Sava fließt drohend mich durch Sentimentalität zu ersticken

Dieses in hohem Maße „programmatische“ aber einfache Gedicht endet mit den Versen:

Poesie ist alles mit Ausnahme von diesem sinnlosen Krieg, die den dramatischen Eintritt des Dichters in den Zeitabschnitt, der er als „Ebbe der Vernunft“ bezeichnet, zum Ausdruck bringt, den Eintritt in die „Kriegszeit“, in der auch seine Erinnerungen zur Anklage gegen Genozid und Barbarismus werden (Gedicht Der unbegangene fünfunddreissigste Jahrestag des Abiturs). Im Gedicht Kriegsherbst (aus dem Jahre 1991) beschreibt er unaufdringlich, mit lapidaren Versen einen düsteren Kriegsabend in Zagreb, mit einem „durch eine Gewehrkugel durchschossenen Fenster“, solange die Heldenstadt Vukovar zerstört wird Im Fernsehen sieht man furchtbare Szenen/ Vukovar ist zerstört/ Der Krieg setzt sich fort, und im Gedicht Slawonisches Rondo gibt er ein apokalyptisches Bild des Schlachtfeldes, wo Mit roher Hand versucht der Herbst/ seine blutigen Früchte zu pflücken,/ die Menschenleben. Indem er lange Flüchtlingskolonnen betrachtet, die ihre Häuser, und alles was sie dort hatten, verlassen müssen, schreibt er erschütternd auf: Die Nester warten auf ihre Schwalben,/die kann man wohl beneiden./Die Vertriebenen erwartet niemand,/ außer Jammer und Leiden, (Gedicht Die Menschen sind doch keine Schwalben). Die Zeit „der Ebbe der Vernunft“ bewegte ihn, sein eigenes Gewissen zu überprüfen, um seine eigene Machtlosigkeit vor dem Verlust der menschlichen Hoffnung und der eigenen Heimat offen zu zeigen (Gedicht Ach Bosnien, meine Liebe).

Der Nachkriegszyklus der Gedichte unter dem Titel Die Zeit ... und etwas dazwischen wird durch die Erkenntnis gekennzeichnet, daß die Zeit nicht mehr die ehemalige Fähigkeit der Liebe erneuert, sondern daß sie zum blutigen Kreis aus ununterbrochenen Wiederholungen von Fehlern geworden ist (Gedicht Erkenntnis), oder zum Gefühl der Leere und der Monotonie: Heute bin ich leer wie eine Konserve,/aus der die Pastete herausgenommen wurde,/ so daß mir nur an den Rändern/ die Schicht einer grauen Masse geblieben ist,/ die sich mit Schimmel überziehen wird (Gedichte Geisteszustand, Überflüssigkeit). Ilić bekräftigt, daß er der Dichter der Zeitvergänglichkeit ist, nicht nur in den „auserwählten“ Augenblicken der Ekstase und des Liebesfiebers, sondern auch in ihrem impersonalen Verschwenden und Vergehen. So entstehen Gedichte als eigenartige innerliche Landschaften der Seele (Blutiger Mond, Ich möchte die Sterne erreichen, Impression, Am Sommerende, Einfach Herbst,Und noch über den Herbst) , die in konziser und lapidarer Haikuform gestaltet sind, wobei der Dichter immer „Farben und Düfte des eigenen Lebens“ hinzufügt, wodurch er sein eigenes Gedicht „beglaubigt“. Deshalb ist es Vermesser der Vergänglichkeit der so ausgewählten Persönlichkeit: Ilić Vers fängt immer von dem Augenblick an, der, wie immer er alltäglich und banal sein kann, eigentlich die Ewigkeit darstellt. Dieser Zeitabschnitt ist ein Beweis der Erneuerungskraft des Dichters und des Erhebens über das Zeitverfließen, mit der Zeit aber, die zu einem gesuchten Ziel eilt, indem sie unser eigenes Herz durchsticht, wobei der Dichter immer als Verlierer bleibt, obwohl er glaubt, daß er gewinnt.

Der Dichter der Menschenbegeisterung und der Menschenvergänglichkeit, in Prevert-Art durch die materielle Welt der menschlichen Dinge gefangengenommen, Ilić erreicht die Gipfel, von denen man die Sterne sehen kann, aber auch „das schwarze Loch“ des Verschwindens (Gedicht Ich möchte die Sterne erreichen). Deshalb sind Gedichte,die Zeitverfließen notieren, eigentlich Epiloge, die sogar in der Evidenz des Zustandes des lyrischen Subjektes (des Dichters) immer eigenartige Paradoxe vom schnelleren Erreichen des Ziels verbergen: die Zeit entdeckt nicht ihr Ziel, und der Dichter ahnt es und spielt mit seiner Nähe: Unter meinem Fenster/ fließt die Save/Unter meinem Fenster/ fließt die Zeit/Unter meinem Fenster/ fließt das Leben/Ich stehe am Fenster/Ich betrachte/Ich erwarte/Die Save und die Zeit/kann ich nicht aufhalten/Das Leben/ noch viel weniger.

In den Gedichten Ich habe den Tag verloren, Carpe diem, und besonders im Gedicht Ja Ja, bringt Ilić diesen Verlust einem Spiel näher, einem ludistischen Looping über dem menschlichen Leben. Und tatsächlich, ein Reicher, der die Symbole seines Reichtums nicht mit sich mitnehmen kann, sondern sie als Spuren seines Lebens hinterläßt, beglaubigt zwar durch das Gedicht seine unvergängliche Vergänglichkeit, und nicht reiner Verlust.

Da ist aber auch der Leser, dessen Leben sich vielleicht teilweise in diesen Gedichten widerspiegelt und der die Spuren und Fallen erkennt, die der Dichter nicht verbergen wollte. Milan Ilić ist ein unverhüllter Dichter, der sich bis heute vielleicht versteckt hat, aber jetzt gibt es keinen Rückzug mehr: seinen Fluten und Ebben der Seele kann der Leser auch in deutscher Übersetzung folgen.

Branimir Bošnjak