Gedichte aus der Sammlung „Erwachen“

ZAGREBER LIEBESBALLADE

Sie gingen auseinander,
als ob sie sich nie kannten,
nie liebten,
nie umarmten.
Aus kleinem gemieteten Zimmer im Stadtzentrum,
wo noch das warme gemeinsame Bett steht,
nahmen sie nur ein paar Kleinigkeiten,
und einen Wunsch, der nie in Erfüllung geht.
Mit herbem Nachgeschmack im Munde,
aber ohne Pathos, Tränen und Schmerz,
ohne überflüssige Phrasen und Worte,
nur mit ein wenig Bitterkeit ums Herz.
Es ist punkt Mittag.
Der übliche Kanonenschuß vom Turme.
In die Altstadt tritt die Sonne ohne Eile.
Mit verschiedenen Straßenbahnlinien fuhren sie fort,
jeder für sich,
in die entgegengesetzten Stadtteile.
Die Straßenbahn fuhr mit Geklapper,
als ob jemand das verfehlte „Happy End“ erdichte.
Und auf dem Hauptplatz unter der Turmuhr
wächst schon gleichzeitig
irgendeine neue Liebesgeschichte.

HOFFNUNG

Ich schenkte ihr
die Nacht, schwarz wie der Samt
und den gelben Mond auf dem Steg
Ich führte sie mit
in den Abgrund der Begierde
auf einem unbetretenen Weg
Ich zeigte ihr
die Gegend des Herzens, das sich
wie Hengst aufbäumt, es scheint
Ich brachte ihr so bei,
daß sie mit mir lacht
und mit mir weint
Ich offenbarte ihr
das große Geheimnis,
das in mir wie das Blut steigt
Ich glaubte dann,
daß sie mich liebt,
wenn sie mit mir schweigt

Aus dem Zyklus „Ebbe de Vernunft“

Ich betrachtete lange Flüchtlingskolonnen,
die in beiden Richtungen hin- und herzogen,
wie eine Schar erfrorener Vögel,
solange der Krieg tobte und die Angst wuchs
und dachte dabei

DIE MENSCHEN SIND DOCH KEINE SCHWALBEN

Wenn Schwalben fortfliegen, kommt der Herbst.
Aber im Frühling kommen sie wieder.
Wenn Menschen weggehen, bleibt ödes Land,
das Weggehen der Kinder schlägt die Mütter nieder.
Die Schwalben ziehen nach Süden,
sie fliegen in Richtung der Sonne.
Mit den Menschen schreitet nur die Angst
in stummer Flüchtlingskolonne.
Die Nester warten auf ihre Schwalben,
die kann man wohl beneiden.
Die Vertriebenen erwartet niemand,
außer Jammer und Leiden.
Die Menschen sind doch keine Schwalben,
aber wer will das noch heute sehen.
Ich sehe nur traurige Menschengesichter,
die ins Unbekannte gehen.


Zagreb, im Winter 1991

ACH BOSNIEN, MEINE LIEBE

Ich träume wieder von dir, mein Land,
wie du einst warst, gleichzeitig mild und wild,
mit dem Geruch von Schweiß,
von Knoblauch, Schnaps und Tränen,
mit zärtlichem Liebeslied:

Ach Bosnien, ach mein Sehnen !

Kannst dich erinnern ?


Im Zwielicht – die Kirchenglocken.
Vom Minarett ruft der Hodscha
die Gläubigen zum Gebet auf.
Durch schmale Straßen, zum Stelldichein,
schleichen die Burschen, wie Diebe..
Und klingt das ewige Lied:

Ach Bosnien, meine Liebe !

Auf einmal Chaos !
Statt Liebe – blinder Haß.
Man hört nur den Pfiff der Granaten.
Vor Angst wird uns allen so sauer.
Das Liebeslied ist längst verklungen...

Ach Bosnien, ach meine Trauer !


Bist du verflucht ?
Heereszüge aller Farben haben dich vergewaltigt,
geplündert und zerstört,
aus lauter Hochmut, aus Neid...
Ich höre nur noch Klagelieder:

Ach Bosnien, ach mein Leid !

Was hilft mir, daß man mir sagt,
Europa wird dich beschützen !
Du schreibst deine Geschichte
wieder mit Blut und Jammer...
Das ist so unehrlich, unfair...

Ach Bosnien, meine Heimat, es gibt dich, es gibt dich nicht mehr !

Zagreb, im Sommer 1992

Aus dem Zyklus „Die Zeit... und etwas dazwischen“


ÜBERFLÜSSIGKEIT

Ich fresse die Tage wie die Würste
und dann vollgestopft
erbreche ich
das Gift des Lebens
Ich leide an Bulimie
indem ich mich
mit der Überflüssigkeit der Zeit
und der Unpersönlichkeit des Alltags
überfresse


ICH MÖCHTE DIE STERNE ERREICHEN

Ich baue eine brüchige Leiter
aus irgendwelchen überflüssigen Wörtern
Ich möchte die Sterne erreichen
An der unsichtbaren Wand
schreibe ich sinnlose Parolen
über die Vergänglichkeit
Ich möchte die Sterne erreichen
Von unhörbaren Tönen
komponiere ich eine Rhapsodie
des Mondspiels der Elfen
Ich möchte die Sterne erreichen

Es verschluckt mich aber
„Schwarzes Loch“
Ohne Überbleibsel


DIE FRAGE

In die schäbige Karre des Lebens
eingespannt
frage ich mich
vergeblich
wer wen schleppt

Ich das Leben
Oder das Leben mich